Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA 5:161.

Eine Linie von der Antike bis in die Gegenwart, von Cicero, Arendt bis Maathai.

Der Begriff sensus communis bezeichnet weit mehr als „gesunden Menschenverstand" — er meint ein Vermögen gemeinsamen Urteilens.

1. Jh. v. Chr.

Cicero

Republikanischer Bürgersinn — wer urteilt, urteilt im Bewusstsein einer gemeinsamen politischen Welt.

Sensus communis als sozialer Takt und Fähigkeit, das eigene Urteil auf das Gemeinwesen zu beziehen.

17/18. Jh.

Vico

Ein geschichtlich geteilter Sinn, wirksam in Sitten, Sprache, Institutionen und Lebensformen.

Urteilskraft wurzelt in einer kulturell und historisch geformten Welt — nicht in theoretischer Konstruktion.

1790

Kant

Die Fähigkeit, sich gedanklich an die Stelle anderer zu versetzen — die erweiterte Denkungsart.

Urteilskraft wird zum Vermögen der Mitteilbarkeit und Intersubjektivität. Die prägnanteste Bestimmung des Begriffs.

1907

He-Yin Zhen

“The equality is false equality!”

Weltoffenheit beginnt nicht mit abstrakten Gleichheitsformeln, sondern mit der Prüfung ihrer Wirklichkeit. He-Yin Zhen liest Freiheit und Gleichheit von ihren sozialen Bedingungen her: Wer spricht von Universalität und wer bleibt in Abhängigkeit?

WerkProblems of Women’s Liberation

20. Jh.

Arendt

„Im Kulturellen und im Politischen, also in dem gesamten Bereich des öffentlichen Lebens, geht es weder um Erkenntnis noch um Wahrheit, sondern um Urteilen und Entscheiden, um das urteilende Begutachten und Bereden der gemeinsamen Welt und die Entscheidung darüber, wie sie weiterhin aussehen und auf welche Art und Weise in ihr gehandelt werden soll.“

(KP, 300)

1960

Gadamer

„Der Sinn, der Gemeinsamkeit stiftet“ — Takt, Bildung, Situationsgespür, sittliche Orientierung.

Gelebte Urteilskraft innerhalb einer gemeinsamen Tradition. Weder bloße Konvention noch starre Regel.

1987

Gloria Anzaldúa

“A borderland is a vague and undetermined place.”

Die Welt von ihren Grenzen her denken. Dort, wo Sprachen, Körper, Kulturen und Zugehörigkeiten einander berühren. Weltoffenheit entsteht nicht im reinen Außenblick, sondern im Aushalten von Zwischenräumen: weder nur hier noch dort, sondern im Denken zwischen Welten.

WerkBorderlands / La Frontera

1987

María Lugones

“Without knowing the other’s ‘world,’ one does not know the other.”

Die Welt als Vielzahl von Welten denken. Verstehen beginnt mit dem Wechsel der Perspektive. Urteilskraft heißt, andere nicht nur aus der eigenen Ordnung heraus zu beurteilen, sondern ihre Welt betreten zu lernen, ohne sie zu vereinnahmen.

WerkPlayfulness, “World”-Travelling, and Loving Perception

1991

Fatema Mernissi

“If women’s rights are a problem for some modern Muslim men, it is neither because of the Koran nor the Prophet, nor the Islamic tradition.”

Die Welt als umkämpften öffentlichen Raum denken. Mernissi zeigt, dass Tradition nicht einfach gegeben ist, sondern gedeutet, beansprucht und politisch verwendet wird. Kosmopolitische Urteilskraft heißt hier: religiöse, kulturelle und moderne Ordnungen nicht gegeneinander zu stellen, sondern ihre Deutung öffentlich zu prüfen.

WerkThe Veil and the Male Elite

1998

Habermas

Die Öffentlichkeit als Medium der Verständigung — Urteilskraft im argumentativen Austausch der Bürger.

Sensus communis als prozedurale Vernunft. Das gemeinsame Urteilen verlagert sich in den Raum diskursiver Aushandlung.

WerkFaktizität und Geltung

2004

Wangari Maathai

“There can be no peace without equitable development.”

Die Welt als gemeinsamen Lebensraum denken. Demokratie, Ökologie und Frieden gehören zusammen. Maathai erweitert politische Urteilskraft zur Verantwortung für die Bedingungen gemeinsamen Lebens: Erde, Gemeinschaft, gute Regierung.

WerkNobel Lecture, 2004

Eine Linie von europäischem Institutionenbau bis zu genossenschaftlicher Selbstorganisation, von Schuman und Monnet bis Raiffeisen, Ostrom und Yunus.

Sensus communis ist nicht nur ein Vermögen gemeinsamen Urteilens im Austausch, sondern vielmehr gelebte Verantwortung.

20. Jh.

Robert Schuman & Jean Monnet

„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

Europa als Friedensordnung durch geteilte Institutionen denken. Schuman und Monnet stehen für eine Form politischer Urteilskraft, die nicht bei Ideen stehen bleibt, sondern gemeinsame Abhängigkeiten in gemeinsame Verantwortung übersetzt.

20./21. Jh.

Simone Veil

„Europa ist die große Hoffnung unseres Jahrhunderts.“

Europa als Erinnerung, Würde und politische Öffentlichkeit denken. Veil verbindet die Erfahrung der Katastrophe mit dem Aufbau gemeinsamer Institutionen. Weltoffenheit heißt hier: aus Geschichte Verantwortung machen.

20./21. Jh.

Helmut Schmidt

„Demokratie lebt vom Kompromiss. Wer zum Kompromiss nicht fähig ist, ist für die Demokratie nicht zu gebrauchen.“

Politische Urteilskraft als Nüchternheit in der Krise denken. Schmidt steht für Verantwortung, Maß, Staatskunst und die Fähigkeit, Konflikte nicht moralisch zu überhöhen, sondern institutionell bearbeitbar zu machen.

20./21. Jh.

Nelson Mandela

“Reconciliation means working together to correct the legacy of past injustice.”

Versöhnung nicht als Vergessen denken, sondern als gemeinsame Arbeit an verletzter Welt. Mandela steht für politische Größe nach dem Bruch: Freiheit, Recht und Öffentlichkeit müssen neu gelernt werden.

20./21. Jh.

Ellen Johnson Sirleaf

“History will judge us not by what we say in this moment in time, but by what we do next.”

Führung als Verantwortung für kommende Generationen denken. Sirleaf steht für demokratischen Wiederaufbau, weibliche Staatskunst und die Frage, wie eine Gesellschaft nach Gewalt, Misstrauen und Zerfall wieder handlungsfähig wird.

19. Jh.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

„Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele.“

Wirtschaft als organisierte Gegenseitigkeit denken. Raiffeisen steht für Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Der Genossenschaftsgedanke zeigt: Gemeinsinn ist nicht nur Haltung, sondern eine institutionelle Form des Vertrauens.

19. Jh.

Hermann Schulze-Delitzsch

„Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung.“

Unternehmertum als bürgerliche Selbstorganisation denken. Schulze-Delitzsch steht für die Idee, dass wirtschaftliche Freiheit nicht bloß individueller Erfolg ist, sondern durch Kooperation, Teilhabe und gemeinsame Regeln tragfähig wird.

20./21. Jh.

Elinor Ostrom

“The power of a theory is exactly proportional to the diversity of situations it can explain.”

Gemeingüter nicht als Tragödie denken, sondern als Frage guter Regeln. Ostrom zeigt, dass Menschen gemeinsame Ressourcen selbst verwalten können, wenn Vertrauen, Beteiligung und Verantwortung institutionell ernst genommen werden.

20./21. Jh.

Muhammad Yunus

“Poverty is not created by poor people.”

Unternehmertum als Befreiung von künstlich geschaffenen Grenzen denken. Yunus steht für Social Business, Mikrokredit und die Würde wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Für Sensus Communis ist er zentral: Märkte werden nicht abgeschafft, sondern auf menschliche Zwecke hin neu gedacht.

20./21. Jh.

Anita Roddick

“The business of business should not just be about money, it should be about responsibility.”

Unternehmen als öffentliche Verantwortung denken. Roddick steht für die Idee, dass Marken, Märkte und Konsum nicht neutral sind. Sie formen Werte, Aufmerksamkeit und die Frage, was eine Gesellschaft für erstrebenswert hält.